Warum Golzow? - Warum nicht Golzow?


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Die Idee für die Langzeitbeobachtung stammt von Karl Gass, Jahrgang 1917 und Nestor des DEFA-Dokumentarfilms, der sich noch lange darüber freuen konnte, dass aus ihr etwas wurde. Er verstarb am 29. Januar 2009. Der Schauplatz war uns von Prof. Dr. Joachim Laabs, 1961 Schulrat des DDR-Bezirks Frankfurt (Oder) empfohlen worden, der später den Schulbuch-Verlag "Volk und Wissen" leitete.

In Golzow hatte man eine neue, zentrale Schule für die Gemeinden der Gegend gebaut. Sie machte es möglich, nun auch auf dem Lande zehn Jahre zu lernen. Die Zwergschulen sollten ausgedient haben. Auch und gerade in einer Landschaft wie dem Oderbruch, über das 1945 verheerend der Krieg gekommen war, der Dörfer, Felder und Fluren verwüstete.

Die junge Generation sollte sich bilden können. Um aus den Erfahrungen der Älteren zu lernen und den "sozialistischen Aufbau" mitzugestalten. Die künftigen ABC-Schützen saßen bereits als Gruppe im Buddelkasten des Kindergartens, gleich gegenüber der Schule. Sie gefielen uns. Und für das Filmen der ersten Unterrichtsstunden mit "versteckter Kamera" gab es gute Möglichkeiten: Die 1. Klasse lag im Erdgeschoß, und so bauten wir unsere zwei Kameras draußen vor den Fenstern auf.

Ja, so fing alles an. Unnötig zu sagen, dass wir bald mit der Kamera eintraten und von da an mit dazu gehörten, wenn Schule war. Um einen solchen Film miteinander zu machen, mussten wir Freunde werden. Und so ist es bis heute geblieben.

In Erinnerung bleibt nicht die Zeit, sondern der Mensch, der die Zeit auf seinen sterblichen Schultern trug (lettisches Dichterwort).

Über das Kino gewannen sich die Golzower in der ehemaligen DDR in drei Jahrzehnten ein Publikum, über das Fernsehen Zuschauer auch in der Bundesrepublik und den deutschsprachigen Ländern Europas. Und jeder neue Film, der es verstand, die historische Dimension des Unternehmens verständlich zu machen, gewann sich zugleich auch ein neues Publikum. Das alte, welches mit dem Leben der Golzower vertraut ist und die eigene Biographie damit in Beziehung setzt, fragt nach dem Fortgang der Lebensgeschichten der Zeitgenossen. Denn wenn etwas interessant und als zeitgeschichtliches Dokument wie Experiment bedeutsam ist, so ist es die Lebensgeschichte des einzelnen Deutschen, der ein Durchschnittsbürger ist, einer von Millionen.

Nach zusammenfassenden Filmen über die Gruppe, den Ort, die Landschaft und Landwirtschaft, die Golzower Zeitgeschichte und die Werkstatt der Chronik wollten wir uns mit dem Blick auf den Abschluss unseres "Lebenswerks" ausschließlich weiter auf Geschichte und Porträt des einzelnen Helden konzentrieren und ihm so gerecht zu werden versuchen. Wir kehrten damit zu jenem Konzept zurück, das sich als das spezifisch richtigste, wesentlichste und eindrucksstärkste erwiesen hat und das wir selbst begründeten: das biographische als Möglichkeit, Zeitgeschichte im individuellen Schicksal zu reflektieren.

Dieser Blickwinkel stand in der DDR oft genug im Gegensatz zum offiziellen und war auch immer beargwöhnt; Der einzelne Mensch hatte in den Medien nun einmal als Beispiel für ein erfolgreich umgesetztes Gesellschaftsmodell zu dienen und war nur in dem Maße, wie er das schaffte, von publizistischem Wert. Von der Persönlichkeit auszugehen und über die Umstände nachzudenken, die sie prägten, setzte nur unbequeme Fragezeichen.

Es war also nicht leicht, eine Chronik am Leben zu erhalten, die das offizielle Bild von Mensch und Gesellschaft nicht unbedingt bediente. Dennoch wagte man nicht, das Unabweisbare des Dokuments zu bestreiten, da man uns erlaubt hatte, dem Leben vor der Kamera seinen Lauf zu lassen. In der Hoffnung, dass die Dinge doch noch einen einigermaßen akzeptablen oder gar wünschenswerten Verlauf nehmen würden, und in der Gewissheit, dass es die Zensur am Ende in der Hand hatte zu bestimmen, was von all dem Gedrehten auch veröffentlicht werden konnte, ermöglichte man uns schließlich die Fortsetzung des Projekts über "Lebensläufe" (1980) hinaus. Mit der Auflage, zum 50. Jahrestag der DDR 1999 einen abschließenden Einzelfilm zu gestalten. Mit einem solchen Film, der mehr weglassen musste, als er zeigen konnte, waren mit Sicherheit keine Probleme verbunden. Über dieses Ziel war das Projekt am Ende längst hinaus.

Für die in den letzten Jahren veröffentlichten Biographien lag das Material zu etwa neun Zehnteln vor. Es ging nun vor allem um das "Wie" einer abschließenden Aufarbeitung des Dokumentierten, um letzte Aufnahmen zu "Redaktionsschluss" einzelner Lebensläufe und vor allem um die Chancen und Mittel für ihre Veröffentlichung. Diese abschließenden Aufnahmen waren allerdings von größter Wichtigkeit. Sie zeigen, wonach der Zuschauer fragt: Wie es dem einzelnen Golzower, dessen Lebenschronisten wir über eine so lange Zeit waren, im soundsovielten Jahr der deutschen Wiedervereinigung geht, wie er denkt und was sich in seinem Leben und Denken verändert hat. Damit relativiert sich der Blick zurück und nimmt dem "Thema DDR", das im Material zeitgeschichtlich Übergewicht hat, notwendigerweise einiges von seiner Dominanz und möglichen "Ostalgie".

Bedenken wir, dass es ein Projekt wie das unsere wohl nie wieder geben wird. Schon deshalb, weil es die Gesellschaft, von der es handelt, nicht mehr gibt. Nimmt man die Geschichten der "Kinder von Golzow" in der Summe, so sind sie wohl jeder der gängigen Soaps überlegen, die in deren Folge entstanden. Und nicht nur, weil sie einfach ein authentisches Zeitdokument sind. Die Golzower Geschichten sind allemal lebensvoller, reicher und glaubwürdiger als diese, und sie gehen Millionen etwas an. Und wer sich darin wiedererkennt, der setzt sich ihnen auch aus und hat sein Vergnügen, das Vergnügen von Erkenntnis, das der üblichen Unterhaltung überlegen ist, wenn ihm durch die Medien dazu Gelegenheit gegeben wird. Das belegen alle Begegnungen mit unserem Publikum.

Eine Langzeitbeobachtung wie die über die "Kinder von Golzow" will den Zuschauer wieder dazu bringen, genau hinzusehen und zuzuhören. Er soll sich wiedererkennen im Mitmenschen, sich mit dem Durchschnittszeitgenossen in Vergleich setzen können. Entgegenzuwirken ist der Reizüberflutung durch ein inflationiertes Fernsehen mit seinem "mind kidnapping". So jedenfalls sehen es die Psychologen. »Gemeint ist, dass wir Tag für Tag aus uns selbst entführt, zu Akzeptanz vorgespiegelter Als-ob-Wirklichkeiten verführt und in eine 'Lenkungsabhängigkeit' geführt werden. Als Konsequenz dessen, dass in die Wohnzimmer dank grenzenloser Medienvernetzung eine entfremdete Wirklichkeit gelangt, (...) erleidet die individuelle Identität Schaden, wird der Mensch, den die Massenmedien krank machen, sich selbst immer fremder.« (siehe: Franz Knipping zu: "Machen uns die Medien krank?" von Reginald Földy und Erwin Ringel, Universitas Verlag, München 1993)